Unfall mit zwei Schmieden

Ich möchte heute von einer Begebenheit aus meinem jungen Erwachsenendasein erzählen, die sich so oder ähnlich zugetragen haben mag, oder auch nicht, wer kann es schon wissen! Sollte sie sich so zugetragen haben, dann möchte ich niemandem empfehlen, das zu Hause oder gar woanders zu versuchen.

Wir waren auf einem Musikfestival im Nirgendwo, der Campingplatz befand sich inmitten von Kornfeldern, über die dramatisch der Wind rollte, und die Wolken quollen am Himmel, als gäbe es kein Morgen. Wahrscheinlich war es Vormittag, aber das war aufgrund der Botenstofflage nicht so ganz klar. Auch die Wetterlage war alles andere als eindeutig, selbst die Temperatur ließ sich trotz ausgiebiger Versuche nicht feststellen. Da wir zum eigentlichen Festivalgelände auf dem Hügel ein ganzes Stück laufen mussten, zog ich mir meinen Synthetikpullover an, Sven wählte seinen grünen Pullunder, und Chris das selbst gebatikte T-Shirt. Als professioneller Festivalbesucher nahm ich noch einen Schirm, der mich gegen Sonne und Regen schützen sollte, sowie als Stütze und Erdungspunkt dienen konnte, wenn alles zu anstrengend wurde. So brachen wir auf und wurden Teil der Menge, die euphorisiert und erwartungsvoll zur heiligen Stätte pilgerte.

Auf dem Weg begegneten wir den merkwürdigsten Wesen: freundlichen Gnomen; hyperathletischen Titanen, die alle anderen um mehrere Köpfe überragten; Kinder, die absurde sprechenden Holzmasken trugen; Hundemenschen mit unbekannten Absichten … Wir konnten uns kaum sattgaffen an diesem Panoptikum, das da für uns aufgefahren wurde. Auch zwei Schmiede befanden sich in der Menge, zwei Bären, riesenhaft, mit zotteligem braunen Haar und beeindruckenden Bärten. Lederschürzen. Eindeutig Schmiede.

Als wir nach einem langen und hysterischen Marsch endlich auf dem Hügel angekommen waren, verließ uns plötzlich jegliche Kraft und ein bisschen der Mut. Wir fragten uns, wie wir jemals wieder auf den Campingplatz zurückkommen sollten. Aber jetzt hieß es erst einmal konzentrieren und orientieren, denn hier oben waren Verkaufsstände und jede Menge Menschen. Chris hatten wir schon verloren. Wir schnappten auf, dass irgendjemand etwas von „Ich bin 12 Uhr am Tattoo-Wagen, mein Körper ist mein letzter Versuch!“ stammelte. Und während dieser Satz unangenehm nachhallte, schafften wir es irgendwie durch das Gewusel auf das Gelände zu kommen. Hier war noch jede Menge Platz und wir konnten wieder frei atmen.

Erleichtert begaben wir uns nach vorn. Gerade spielte eine lokale Band, Stilrichtung wahrscheinlich das, was man in den 80ern Jazzpop oder Popjazz genannt hat, aber vielleicht war es auch etwas ganz anderes, es war jedenfalls schlecht. Unsäglich schlecht sogar, alles fiel auseinander, jeder spielte für sich allein, und alle machten einen derartigen Blödsinn mit ihrem Dasein in Anzügen und Sonnenbrillen: es war empörend! Wir schimpften wie die Spatzen über diesen entzündeten Wurmfortsatz der Musikgeschichte, dieses lächerliche Gurkenaufgebot, diese abgrundtiefe usw usw … denn Musikkritik, ja-haa, Musikkritik, die konnten wir!

Während wir inmitten von Familienangehörigen und Freunden der Band so fachkundig wie lautstark über das Geschehen auf der Bühne lästerten, fiel uns ein Zelt ins Auge, in dem Festival-typischer Glitzerkram verkauft wurde. In einem Anflug von Leichtsinn begab sich Sven in das Schmuckzelt, und obwohl ich bis heute nicht weiß, was ihm in der kurzen Zeit seines Aufenthalts widerfuhr, fand dort eine Transformation statt, die ihn bezaubert und verstört wieder heraustreten ließ. Nur für kurze Zeit wohlgemerkt, denn wir waren gerade erst zum Nachbarstand geschlendert, da rief jemand meinen Namen: „Blarghl!“ „Gouaaarg!“

Es waren leider Kommilitonen, mir kaum bekannt, sie hatten leider Sekt und wir mussten leider trinken, da wir nicht in der Lage zu einem noch so erbärmlichen Nein waren. So smalltalkten wir eine halbe bis sechzig Minuten und sagten uns dabei „wir sind professionell, das läuft“. Und obwohl wir echt gut drauf waren und alles souverän hinbekamen, fragten diese komischen Menschen beim Abschied, ob es uns denn gut ginge. Besorgte Blicke und so. In die Augen. Da fiel mir auf, dass wir uns auf einer gigantischen Müllhalde befanden, überall Plastikbecher und ausgeblichene Tüten, und das lag ganz bestimmt an der Anwesenheit dieser neugierigen, aufdringlichen …, puh, sehr unangenehm gerade. Geht es uns gut? Geht es uns gut? Ob es uns gut geht. Ob es uns gut geht. Und dieses blöde Augengegucke.

Göttliche Fügung schickte uns den Chris vorbei. Ihm ging es jedenfalls nicht sonderlich gut, an seinem Oberschenkel hing wie ein festgebissener tropischer Frosch ein winziger Campingstuhl. Den entfernten wir in einer komplizierten Operation, und danach waren die lästigen Kommilitonen auf einmal verschwunden. Seltsam, sie waren doch gerade noch so anhänglich gewesen. Immerhin war auch der ganze Müll wieder weg – und plötzlich auch Chris.

Offenbar waren wir der Realität nur noch lästig. Verschiedene Szenen reihten sich unverbunden aneinander, und wendeten wir unseren Blick zu schnell, so ratterte das Bild mit Verzögerung durchs Sichtfeld, fächerte sich auf wie ein Daumenkino und dann wieder ein. Redete ich oder hatte ich das gerade nur gedacht? Womit musste der nächste Satz anfangen, wo doch seit dem letzten so viele Gedanken passiert waren, ein ungemein verästelter Baum von Gedanken, wo war ich doch gerade?

Das Universum dürfte jetzt gern etwas langsamer machen, fanden wir. Es war schon anstrengend genug, sich selbst zusammenzuhalten und bis zur nächsten Sekunde durchzubringen. Während alle Dinge so unaufhaltsam auf einen einstürmten und -stürzten – wohin man schaute, nirgends gab es Ruhe, noch der kleinste Stein wollte einen mit Reizen überfluten! Und selbst die Bäume, sonst die besten Verbündeten, schnitten grimmige Fratzen mit ihren Rübezahlgesichtern.

Deutschland, Hochsommer, früher Nachmittag, die Sonne brennt, der Pullover hält. Wir blickten nach vorn auf eine beunruhigende Szenerie: Jemand hatte einen verrußten Schweineschädel über der Bühne aufgehängt, und aus den Scheinwerfern floss materialisierte Dunkelheit. Sven signalisierte mir, dass er nicht einverstanden sei mit dem, was da passierte. Ich nickte, während ich mich an meinem Schirm festhielt. Ein Wasserfall unklarer Gefühle schwappte über mich, dann war mir auch schon wieder alles egal. Wir beschlossen uns einfach weiter nach vorn zu wagen, denn was blieb uns denn übrig? Und wir waren ja professionell.

Noch immer war viel Platz auf der Konzertwiese, und bald erblickten wir nahebei zwei alte Bekannte: Da waren unsere Schmiede wieder, sie hatten Bier gekauft und gaben sich Schmiede-High-Fives, knufften und pufften sich, lachten und verkörperten die unkomplizierteste Mittelalter-Live-Action-Roleplay-Schmiedigkeit, die man sich vorstellen konnte. Neugierig arbeiteten wir uns weiter nach vorn und versuchten die beiden nicht aus den Augen zu verlieren. Als würde die Zeit um uns herum angehalten, verlangsamte sich jede Bewegung im Publikum, der Sound von der Bühne blieb förmlich stecken und bildete eine unscharfe verzerrte Wolke. Die zwei Schmiede pumpten sich auf und wurden überlebensgroß, um sodann wie im Showdown eines Gladiatoren- oder Nashornfilms aufeinander zuzulaufen. In Zeitlupe zogen sie ihre Bahn, die Bierflaschen wie Banner hochhaltend, krachten ineinander und fielen rückwärts ins Gras. Bevor wir uns ernsthafte Sorgen machen konnten, stand der Erste wieder auf, Ho-ho-ho, und klopfte sich Wams und Hose ab. Schluck Bier. Dann beugte er sich über Schmied Zwo, der immer noch am Boden lag und sich nicht rührte. Blaue Lippen im kreidebleichen Gesicht! Schmied Eins packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn, da rollte unterm Hinterkopf die Bierflasche hervor, auf die er offensichtlich gefallen war. Und anscheinend war er tot oder zumindest schwer verletzt. Einen Arzt! Oder zumindest einen Ersthelfer! Niemand sonst hatte etwas bemerkt, alles außerhalb unserer Blase schien einfach weiterzuwuseln.

Moment, wir waren auf bizarren Psychedelika, möglicherweise bildeten wir uns das ja auch alles nur ein! Erstmal Reality Check machen! Ich blickte zu Sven rüber, er sah mich an – kein Zweifel, wir hatten beide dasselbe gesehen, kein Irrtum möglich: Wir hatten einem entsetzlichen Unfall beigewohnt, total drauf und entsprechend verwundbar, und wir waren absolut nicht in der Lage hier Hilfe zu leisten. Aber wir standen am nächsten dran, und schon fielen erste fragende Blicke auf uns, die Leute begannen zu tuscheln: warum tun die nichts, die stehen einfach nur dabei, das ist ja wohl das letzte! Wir mussten weg, und zwar schnell und unauffällig! Am Ende wären wir noch schuld am Tod des Schmieds. Der Schmied, dem nicht rechtzeitig geholfen wurde, weil wir durch unsere bloße Anwesenheit andere vom Helfen abgehalten hatten. Es war gar nicht so einfach sich trotz der heranrollenden Panik langsam vom Unfallort zu entfernen.

Lots Frau wurde zur Salzsäule, weil sie einen Blick zurück auf die Stadt warf, die sie soeben verlassen hatte und die gerade eingeäschert wurde. Nicht auszudenken, wie schlecht es uns ergangen wäre, hätten wir uns auf unserer Flucht nicht noch einmal umgedreht! Denn auf einmal stand der zweite Schmied einfach auf und zeigte – Ha-Ha! – wie Nelson auf seinen Kompagnon, der ihn sich jetzt nach Wrestler-Art über die Schulter warf. Die Erleichterung, die wir empfanden, ist nicht zu beschreiben. Eine unglaubliche positive Kraft schob uns vorwärts, belebte alles um uns herum, und wir spürten, dass wir nun auf dem richtigen Weg unterwegs waren. Wir beschlossen als nächstes Abenteuer das nahe Zelt zu erkunden, in dem bunte Tücher verkauft wurden, die in aufregender Synchronizität im Wind wogten. In diesem Moment fing es an heftig zu regnen.

Professionell spannte ich meinen Schirm auf, und Sven begab sich rückwärts in das Tücherzelt, wo er in der ausgehängten Ware verschwand wie ein menschenförmiger Krillschwarm in den Barten des Batikwals. Nur noch seine Füße waren sichtbar. Nachdem ich eine halbe Unendlichkeit lang auf seine pulsierenden Trekkingsandalen gestarrt hatte, wurde mir auf einmal klar, welch wichtiges Zeichen mir hiermit gesendet werden sollte: ich war zur völlig falschen Jahreszeit in einem Pullover aus Kunststoff unterwegs. Sobald ich das schreckliche Ding von meinem schweißdurchtränkten T-Shirt getrennt hatte, ging es mir besser. Das Leben war eigentlich richtig gut. Und da wurde auch schon der Sven wieder von den Tüchern ausgespuckt, es konnte weitergehen!

Mit glänzenden Augen und roten Bäckchen lustwandelten wir über die Wiese. Die Bäume waren uns wieder wohlgesonnen und im Himmel über der Bühne türmten sich die Wolken wie barocke Fürsten. Die Musik spielte auf einmal eine Rolle und zog in breiten Bändern durch unsere Körper, bescherte Kraftduschen und malte filigrane Netze, auf denen die Töne nach geheimnisvollen Regeln entlang liefen. Irgendwann beendete die Band in feierlicher Pracht ihr Stück (wir riefen uns durch den Sturm zu „sie bringen alles nach Haus, sie bringen alles nach Haus!“). Dann Stille. Und dann brandete ein Applaus los, ein ganz besonderer Applaus, ein Applaus, der gewiss nie zuvor und nie danach wieder zustande kam. Dieser Applaus hob nämlich das gesamte Publikum zwei Meter in die Luft. Und als er irgendwann nachließ, sanken alle sanft zurück auf die Erde.

Genau genommen ging es jetzt erst richtig los und alles wurde völlig verrückt, haltlos und nicht mehr sprachlich vermittelbar. Aber das machte uns nichts, denn wir waren bereits durchs Fegefeuer gegangen und heil herausgekommen. Und damit waren wir für den Rest der Reise unverwundbar.

Als wir nach drei Tagen wieder nach Hause zurückkehrten, waren dort drei Jahre vergangen.

 

 

 


Nerostraße

(geschrieben für den Wiesbaden-Wälzer 63,75 von Stijlroyal)

Früher, da ließ sich der Handlauf noch gern von den Feiernden anfassen, aber er war etwas eigen geworden im Lauf der Jahre. Er achtete nicht mehr wirklich auf sein Äußeres und wollte am liebsten nur noch in Ruhe gelassen werden. Die Treppe, die unzählige angetrunkene Radfahrer auf ihrem nur rudimentär entwickelten Gewissen hatte, erging sich schon lange in Altersmilde und hatte ein beachtliches Polster zertretener Tapioka-Perlen angesetzt.

Eine Fußgängerabkürzung alter Schule hätte viel zu erzählen – von Liebespaaren, die des Nachts dort eng umschlungen standen, von hastenden Ganoven im Morgengrauen, von der Jugend, in der man noch kotzen kann wie ein Drache, vom Kinderwagen, der unaufhaltsam die Treppe hinunterwackelte, von der Oma, die zur Mittagsstunde ihren gesamten Einkauf herunterkullern ließ, der tollwütigen Katze, dem Klassenstreber, der sich „beim unsachgemäßen Hantieren mit Feuerwerkskörpern“ die Hand wegsprengte, dem Ladendetektiv, der sich völlig verlaufen hatte, der Grundschulklasse, die eine Schlitten-Massenkarabolage fabrizierte, dem entflohenen Pelikan, der sich mit Passanten anlegte, der agitierten Person mit dem Samuraischwert, dem völlig misslungenen Versuch eines Miniflohmarkts, dem Todeskampf der Amseljungen, die aus dem Nest geworfen worden waren, dem würdelosen Kampf zweier betrunkener Rettungssanitäter um ein Bierwurstbrötchen, dem Totalschaden mit der roten Isetta, dem Sommer, in dem die Myxomatose so schrecklich zuschlug, dem Jahr, als das Wespennest im Gebüsch hing, bis die Skater es anzündeten, von Kirchschwänzern, die sich über die Zulässigkeit von „Brunnen“ bei „Stein-Schere-Papier“ stritten, bis sie dazu übergingen Tischtennisbälle anzuzünden …

Aber niemand fragt, und wie einen schon länger eingeschlafenen Körperteil scheint die Stadt diesen Ort gar nicht mehr zu spüren. Beiderseits des Wegs zeigt sich eine zarte Schuttschicht. Eine zerknüllte Billigbierdose streckt vorwitzig ihr Köpfchen aus der Erde hervor. Asseln und Ameisen, ein halb eingetrockneter Fleck Rotze: Die Natur malt dort mit ihrem zartesten Pinsel, wo wir es am wenigsten erwarten.


Fahrrad in der Aula

Ich fahre auf einem BMX-Rad vor die kreisrunde Aula der Uni. Sie ist gerade nicht bestuhlt, sodass der gläserne Boden freiliegt, der sich wie ein Uhrglas zur Raummitte hin absenkt. Die Wände sind mit dunklem Holz vertäfelt, es riecht nach altem Putzmittel. Durch die zahlreichen Dach- und Wandfenster fällt die sommerliche Sonne, und 15 Meter unter mir sehe ich das Foyer, dort gehen Menschen ein und aus. Die Szenerie erinnert aus der Vogelperspektive an eine Architektur-Visualisierung: Paare im angeregten Gespräch, Menschen, die ihre Taschen bestimmten Schritts in Richtungen bewegen, Sitzende, Offenheit, modern, zeitgemäß, viel Glas, dezentes Metall, ein wenig Holz.

Ich hebe meinen Blick wieder: die Aula scheint eher aus dem 19. Jahrhundert zu stammen, das erklärt auch den mehr als ungewöhnlichen Boden. Ich stoße mich ab und fahre durch die menschenleere Halle, stundenlang – mal geradewegs durch die Mitte, mal in Spiralen, mal mit geringsten Geschwindigkeiten experimentierend in Blumenform. Auf einem Glasboden. In irrwitziger Höhe. Ein unglaublicher Spaß!


Der Zeckenforscher

Ich döste gerade weg und lernte im Traum einen Zeckenforscher kennen, dessen Lieblingszecke an einer unheilbaren Krankheit litt. Der Forscher erklärte mir, dass er ihr eine letzte Freude gönnen wolle. Dann legte er sie unter Tränen an seinen Unterarm an – wissend, dass sie sich nach ihrer Mahlzeit zum Sterben zurückziehen würde.

Ich glaube nicht, dass ich Zeckenforscher werden könnte, in dem Beruf hat man wahrlich nicht viel zu lachen.


Unter Professoren

Heute habe ich im Traum die drei Hamburger Professoren Eppi, Pi und Poop kennengelernt. In einem ansonsten völlig leeren Kontor standen zwei dunkel gebeizte Stehpulte, zwischen denen die ehrwürdigen Herren dozierend herumspazierten. Im Frack. Und ihr weißes Professorenhaar flatterte im Wind. — Man kann sich seine Klischees im Traum nun mal nicht aussuchen.

Wie nervige Nebendarsteller in Märchen fielen sie sich gegenseitig ins Wort, versuchten sich zu übertönen oder sich ihre Stehpulte streitig zu machen. Unnötig zu sagen, dass sie mich nichtsdestotrotz mit ihrer dauernden Besserwisserei belästigten. Schon einer von der Sorte wäre mir zu viel gewesen!

Gelernt habe ich – wer hätte es gedacht – bei diesen Professoren leider nichts.


Unnützes Wissen – Teil 1

Gerade habe ich im Sekundenschlaf gelernt, wie man als französischer Rechtsanwalt professionell reagiert, falls einen der Staatsanwalt während der Verhandlung am kleinen Zeh anfasst. Kommt angeblich gar nicht mal so selten vor.


Wohnen am unteren Limit

Den ersten Schritt ins Erwachsensein unternahmen wir 18 Monate nach dem Start unseres Studiums, als wir endlich in getrennte WGs zogen. Davor geschah Folgendes.

Gerade noch hatte ich dem Sven durch das Gekreische der Bohrmaschine zugebrüllt, was für eine tolle Idee es doch sei, die Garderobe über dem hässlichen Sicherungskasten anzubringen, als ich eine Leitung anbohrte und die Bohrmaschine ganz unspektakulär stehen blieb.
Es muss wohl kurz nach Mitternacht gewesen sein, dass wir begonnen hatten Ausschau zu halten, wo in unserer Wohnung wir die erste Marke hinterlassen konnten, und jetzt standen wir in der Dunkelheit und schnupperten Metallgeruch.

Im blauen Schein von Svens Turbofeuerzeug schaltete ich die Sicherungen wieder an – bis auf die eine für das Licht in der Diele, die wollte nicht mehr. Aber was soll’s, wir konnten ohne leben.

Da wir noch eine Woche Zeit bis zum Studienbeginn hatten, und die von der Fachschaft veranstalteten Stadt- und Unirallyes zu langweilig waren, kümmerten wir uns zunächst so gut es ging um die Wohnlichmachung der Wohnung, also um den Aufbau von Svens Technics-Plattenspielern und meinen Vobis-PCs (Colani Edition). Daraufhin begannen wir unverzüglich, unseren vom Zivildienst ohnehin mitgenommenen Tagesrhythmus völlig zu demontieren. Der Beweis, dass unser biologischer Tag keineswegs 24 Stunden lang war, konnte schon binnen der ersten Woche im Selbstversuch erbracht werden. Der Versuch wurde die nächsten 18 Monate konsequent weitergeführt.

Sicherlich trug hierzu Svens sporadische Nebenbeschäftigung als Elektro-DJ bei, aber insbesondere wurden unser Schlaf- und allgemeiner Lebensrhythmus durch enthemmten Drogenkonsum bestimmt.

Schnell war der Punkt erreicht, an dem wir unseren offensichtlich überambitionierten Stundenplan auf das Nötigste eindampften und uns mit Vorlesungsskripten und Büchern eindeckten, um fortan zu Hause zu lernen.
Das hatte den Vorteil, dass wir unsere Lernzeit völlig frei in Kiffen, Musik hören und Essen einteilen konnten, aber den Nachteil, dass wir kein Bisschen lernten. Als wir die erste Klausur verhauen hatten, wussten wir: So ging es nicht weiter.

Wir mussten systematisch und ganz rational vorgehen. Also markierten wir uns alle wichtigen Termine im Semester, die geistige Klarheit oder Vorbereitung erforderten, und rauchten dann erstmal eine schöne Wasserpfeife. Um nicht mehr so vom Lernen abgehalten zu werden, mussten wir dringend unsere Cannabis-Toleranz erhöhen, also stellten wir die Wasserpfeife in den Badezimmerschrank und rauchten ab jetzt nur noch Eimer.
Schnell lebten wir in einem Zustand ständiger unterschwelliger Paranoia, überdeckt von einer sehr cremigen Schicht Trägheit, die ein Außenstehender bestimmt als Langeweile missverstanden hätte.

Ab und zu gab es Streit, meistens ging es um die Einkäufe. Unsere Ernährungsvorlieben waren recht unterschiedlich – Sven trank beispielsweise ständig Mate, ich täglich zwei bis drei Liter Milch – andererseits aßen wir uns gegenseitig das Essen weg, weil wir zu keiner Vorratshaltung fähig, aber immer hungrig waren. Vor dem Einkauf warfen wir jedes Mal eine Münze. Der Verlierer wappnete sich dann schnell durch den Konsum zweier Eimer, bevor er die Wohnung verließ, und versuchte die Mission schnellstmöglich abzuschließen.

Auch vor der Teilnahme an Pflichtveranstaltungen und Klausuren praktizierten wir die Eimer-Methode, und es ist wohl einer Ironie des Universums zuzuschreiben, dass wir trotz unseres paranormalen Lernverhaltens unsere Scheine erhielten.

Zerfressenes Haus

Gründliches Putzen bewahrt vor bösen Überraschungen.

Derweil sah es in unserer Wohnung immer erschreckender aus. Unser Zeitungsabo führte dazu, dass sich die Tageszeitung über die ganze Wohnung verteilte und ständig Nachschub kam. Das Epizentrum des Grauens lag natürlich in der Küche, in der wir ganz bewusst die Menge der zu spülenden Gefäße und Gerätschaften durch dauerhaften Mehrfachgebrauch gering hielten. Trotzdem trauten wir uns schon länger nicht mehr an die Spüle, auf deren Boden sich etwas sehr Unheimliches befand.

Im Kühlschrank schimmelte eine Margarine still vor sich hin, denn auch Margarine kann schimmeln, wenn man sie nur lässt. Sie hatte sich wahrscheinlich beim Senf angesteckt. Da sie keinem von uns gehörte, ließen wir sie in Frieden und wurden erst von einem Gast auf diese bemerkenswerte Tatsache aufmerksam gemacht.

Überhaupt, Gäste. Die empfingen wir gern. Wir handelten dabei nicht aus Gastfreundschaft, sondern aus reinem Eigennutz, da wir ja nicht ohne Not vor die Tür gehen wollten. Gäste empfangen hieß für uns, sie hereinzulassen und sich mit ihnen zu unterhalten, mehr war nicht zu erwarten. Wer uns kannte, hatte natürlich schon mehr oder weniger geahnt, welch unheilvolle Kräfte durch unser Zusammenziehen freigesetzt würden. Und Kommilitonen, mit denen wir uns trafen, wurden im Vorhinein auf Anblick und Geruch unserer Behausung vorbereitet. Die übliche relativierende Entgegnung lautete sinngemäß »Ooch, bei mir ist es auch immer total unordentlich. Bei mir liegen voll viele Pizzakartons rum und so.«
Geht man aber nach dem Gesichtsausdruck beim Betreten der Wohnung, haben wir jedes Mal gewonnen.

Kommilitoninnen trafen wir aus diesen Gründen selten und grundsätzlich außer Haus. Falls sich doch einmal eine Frau in unserer Höllenloch verirrte, beschuldigten wir einfach den jeweils anderen, eine Drecksau zu sein, die es mit Spülen, Putzen, Kochen et cetera pp. nicht hinkriege.
Es wurden allerdings bereits Legenden über den Zustand unserer Wohnung kolportiert, sodass Kommilitonen gleich welchen Geschlechts neugierig wurden und zunehmend versuchten, sich mit eigenen Augen ein Bild der Lage zu machen. Auf Katastrophentourismus hatten wir nun wirklich keine Lust, und so gewährten wir bald nur noch langjährigen Freunden Einlass, und solchen, die das Zeug dazu hatten.

Der Michi war der Erste, der in der Küche ein Weinglas fallen ließ. Geistesgegenwärtig warf ich eine Ausgabe unserer Tageszeitung darüber, nachdem ich die größten Scherben aufgesammelt hatte. Das war viel praktischer, als den Boden zu wischen und sich dabei vielleicht noch winzige Splitter in die Finger zu treiben. Weil die Idee so erkennbar gut war, etablierten wir dieses Verhalten sofort, und binnen Kurzem war der gesamte Küchenboden mit knisternden Schichten aus getrocknetem Zeitungspapier über knirschenden Schichten aus Glas bedeckt.

Irgendwann stellte jemand fest, das Klo müsse mal geputzt werden.

Wir beide machten sofort geltend: „Ich bin Sitzpinkler und somit unmöglich schuld daran, dass das Klo geputzt werden muss“. Die Kloschüssel hatte aufgrund der Unmengen an ausgekochten Mate-Blättern, die der Sven immer dorthinein ausgeleert hatte, mittlerweile den Teint eines ungünstig gealterten Bahnhofsklos angenommen. Mechanisch war an dem Belag nichts mehr auszurichten, und so bemühten wir die chemische Keule, die tatsächlich in der Lage war, die braune Patina restlos zu entfernen. Zumindest da, wo sie ausreichend lange einwirken konnte, und das war einzig und allein das Präsentationsplateau des Flachspülers.
Das strahlend weiße Porzellan, umrahmt von fleckigem Braun, suggerierte nun eine Milchlache in einem Bahnhofsklo, und der erste Gast, der dieses Anblicks gewahr wurde, musste sich darob übergeben.

Mit diesem Erlebnis begann die letzte Stufe unseres gemeinsamen Wohnens. Wir sahen ein, dass wir dafür wohl nicht geeignet waren, und uns eigentlich nur noch die Angst in dieser Wohnung hielt, dass der Vermieter den ganzen Saustall in seinem gegenwärtigen Zustand sehen und riechen könnte.
Nach langem Zögern schrieben wir endlich die Kündigung und begannen dann so schnell wie möglich, in allen Räumen die völlig verdreckten Tapeten von den Wänden zu reißen.
Wir mussten uns beeilen, so viel war klar – wir wollten schließlich die Wohnung in einem 1A-Zustand übergeben! Dabei kam uns zugute, dass wir bisher noch nicht dazu gekommen waren, unsere Umzugskartons auszupacken, die wir jetzt frei durch die Wohnung schieben konnten.
Als wir mit den Wänden gerade fertig waren und die feuchten Tapetenreste noch in den letzten freien Fleck des Bodenbelags eingetreten hatten, klingelte das Telefon und der Vermieter kündigte an, dass er in einer guten Stunde vorbeikäme, um zu begutachten, welche Arbeiten an der Wohnung anstünden.

Sofort entfalteten wir panische Aktivität, die sich vor allem darauf belief, verteerte Colaflaschen und Gurkengläser sowie die Küchenbrettchen mit den erstaunlichen Ascheansammlungen ausfindig zu machen und im Hof zu entsorgen. Sven machte sich am unnennbaren Inhalt der Spüle zu schaffen, während ich so gut es ging versuchte, die Zeitungsreste mit einem eilends gekauften Ceranschaber vom Küchenboden abzulösen.
Bereits nach einer halben Stunde klingelte es – der Vermieter hatte doch noch etwas früher Zeit gefunden. Hätte er sich nur verspätet!
In seinem Gesicht stand eine Mischung aus Wut, Abscheu und Fassungslosigkeit, als er stumm durch das Chaos in unserer Wohnung stapfte. Er warf einen kurzen Blick in die Zimmer und die Küche und steuerte dann die Toilette an, wo er zielsicher mit seiner Schuhspitze den Klodeckel anhob. Wir schreckten zusammen und sahen uns besorgt an – uns schwante gewaltiges Unheil.
In der stockfinsteren Diele zeichnete sich die Silhouette des Vermieters gegen das Badezimmerlicht ab. Seine schon etwas schütteren Haare bildeten einen zitternden Leuchtkranz um seinen Kopf, als er anfing in sein Handy zu brüllen.
»Du, ich bin hier gerade in einer Wohnung, die ist total im Arsch!«
»…«
»Ja, absolut ekelhaft.«
»…«
»Ja, genau, natürlich!«
»…«
»Du, hier, hast du noch – Moment ma – ’nen Flachspüler?«
»…«
»Ja ja, völlig ruiniert, keine Ahnung, will ich gar nicht wissen. Mir ist schon schlecht genug.«

Und so weiter und so fort. Wie wir uns schämten!

Nach diesem unangenehmen Telefonat mussten wir uns eine noch unangenehmere Gardinenpredigt anhören, deren ungläubig vorgebrachtem Hauptthema »keine anderthalb Jahre« ein »total verwohnt« sowie »war frisch renoviert« entgegengestellt wurde. Unseren Einwand, wir wären doch auch gerade dabei zu tapezieren – und gestrichen würde auch noch! – quittierte unser Vermieter mit einem entsetzten »Sie fassen hier gar nichts mehr an!«

Weil uns die Schmach allzu groß erschien, räumten wir in den folgenden Wochen die Wohnung nicht sonderlich enthusiastisch im Alleingang leer. Das war ganz einfach, denn als alte Praktiker hatten wir ja die Umzugskartons nicht geleert, weil wir nie unsere Möbel aufgebaut hatten. Selbst das Säubern der Wohnung war gar nicht so schlimm, da durch die vielen achtlos hingeworfenen Zeitungen die nagelneue Auslegeware gut geschützt überdauert hatte. Einzig und allein die Küche war katastrophal, pro Quadratmeter müssen wir mehrere Stunden gebraucht haben. Das lag aber vielleicht auch an den Pilzen und könnte Teil einer anderen Geschichte sein.