Nerostraße

(geschrieben für den Wiesbaden-Wälzer 63,75 von Stijlroyal)

Früher, da ließ sich der Handlauf noch gern von den Feiernden anfassen, aber er war etwas eigen geworden im Lauf der Jahre. Er achtete nicht mehr wirklich auf sein Äußeres und wollte am liebsten nur noch in Ruhe gelassen werden. Die Treppe, die unzählige angetrunkene Radfahrer auf ihrem nur rudimentär entwickelten Gewissen hatte, erging sich schon lange in Altersmilde und hatte ein beachtliches Polster zertretener Tapioka-Perlen angesetzt.

Eine Fußgängerabkürzung alter Schule hätte viel zu erzählen – von Liebespaaren, die des Nachts dort eng umschlungen standen, von hastenden Ganoven im Morgengrauen, von der Jugend, in der man noch kotzen kann wie ein Drache, vom Kinderwagen, der unaufhaltsam die Treppe hinunterwackelte, von der Oma, die zur Mittagsstunde ihren gesamten Einkauf herunterkullern ließ, der tollwütigen Katze, dem Klassenstreber, der sich „beim unsachgemäßen Hantieren mit Feuerwerkskörpern“ die Hand wegsprengte, dem Ladendetektiv, der sich völlig verlaufen hatte, der Grundschulklasse, die eine Schlitten-Massenkarabolage fabrizierte, dem entflohenen Pelikan, der sich mit Passanten anlegte, der agitierten Person mit dem Samuraischwert, dem völlig misslungenen Versuch eines Miniflohmarkts, dem Todeskampf der Amseljungen, die aus dem Nest geworfen worden waren, dem würdelosen Kampf zweier betrunkener Rettungssanitäter um ein Bierwurstbrötchen, dem Totalschaden mit der roten Isetta, dem Sommer, in dem die Myxomatose so schrecklich zuschlug, dem Jahr, als das Wespennest im Gebüsch hing, bis die Skater es anzündeten, von Kirchschwänzern, die sich über die Zulässigkeit von „Brunnen“ bei „Stein-Schere-Papier“ stritten, bis sie dazu übergingen Tischtennisbälle anzuzünden …

Aber niemand fragt, und wie einen schon länger eingeschlafenen Körperteil scheint die Stadt diesen Ort gar nicht mehr zu spüren. Beiderseits des Wegs zeigt sich eine zarte Schuttschicht. Eine zerknüllte Billigbierdose streckt vorwitzig ihr Köpfchen aus der Erde hervor. Asseln und Ameisen, ein halb eingetrockneter Fleck Rotze: Die Natur malt dort mit ihrem zartesten Pinsel, wo wir es am wenigsten erwarten.

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