Wohnen am unteren Limit

Den ersten Schritt ins Erwachsensein unternahmen wir 18 Monate nach dem Start unseres Studiums, als wir endlich in getrennte WGs zogen. Davor geschah Folgendes.

Gerade noch hatte ich dem Sven durch das Gekreische der Bohrmaschine zugebrüllt, was für eine tolle Idee es doch sei, die Garderobe über dem hässlichen Sicherungskasten anzubringen, als ich eine Leitung anbohrte und die Bohrmaschine ganz unspektakulär stehen blieb.
Es muss wohl kurz nach Mitternacht gewesen sein, dass wir begonnen hatten Ausschau zu halten, wo in unserer Wohnung wir die erste Marke hinterlassen konnten, und jetzt standen wir in der Dunkelheit und schnupperten Metallgeruch.

Im blauen Schein von Svens Turbofeuerzeug schaltete ich die Sicherungen wieder an – bis auf die eine für das Licht in der Diele, die wollte nicht mehr. Aber was soll’s, wir konnten ohne leben.

Da wir noch eine Woche Zeit bis zum Studienbeginn hatten, und die von der Fachschaft veranstalteten Stadt- und Unirallyes zu langweilig waren, kümmerten wir uns zunächst so gut es ging um die Wohnlichmachung der Wohnung, also um den Aufbau von Svens Technics-Plattenspielern und meinen Vobis-PCs (Colani Edition). Daraufhin begannen wir unverzüglich, unseren vom Zivildienst ohnehin mitgenommenen Tagesrhythmus völlig zu demontieren. Der Beweis, dass unser biologischer Tag keineswegs 24 Stunden lang war, konnte schon binnen der ersten Woche im Selbstversuch erbracht werden. Der Versuch wurde die nächsten 18 Monate konsequent weitergeführt.

Sicherlich trug hierzu Svens sporadische Nebenbeschäftigung als Elektro-DJ bei, aber insbesondere wurden unser Schlaf- und allgemeiner Lebensrhythmus durch enthemmten Drogenkonsum bestimmt.

Schnell war der Punkt erreicht, an dem wir unseren offensichtlich überambitionierten Stundenplan auf das Nötigste eindampften und uns mit Vorlesungsskripten und Büchern eindeckten, um fortan zu Hause zu lernen.
Das hatte den Vorteil, dass wir unsere Lernzeit völlig frei in Kiffen, Musik hören und Essen einteilen konnten, aber den Nachteil, dass wir kein Bisschen lernten. Als wir die erste Klausur verhauen hatten, wussten wir: So ging es nicht weiter.

Wir mussten systematisch und ganz rational vorgehen. Also markierten wir uns alle wichtigen Termine im Semester, die geistige Klarheit oder Vorbereitung erforderten, und rauchten dann erstmal eine schöne Wasserpfeife. Um nicht mehr so vom Lernen abgehalten zu werden, mussten wir dringend unsere Cannabis-Toleranz erhöhen, also stellten wir die Wasserpfeife in den Badezimmerschrank und rauchten ab jetzt nur noch Eimer.
Schnell lebten wir in einem Zustand ständiger unterschwelliger Paranoia, überdeckt von einer sehr cremigen Schicht Trägheit, die ein Außenstehender bestimmt als Langeweile missverstanden hätte.

Ab und zu gab es Streit, meistens ging es um die Einkäufe. Unsere Ernährungsvorlieben waren recht unterschiedlich – Sven trank beispielsweise ständig Mate, ich täglich zwei bis drei Liter Milch – andererseits aßen wir uns gegenseitig das Essen weg, weil wir zu keiner Vorratshaltung fähig, aber immer hungrig waren. Vor dem Einkauf warfen wir jedes Mal eine Münze. Der Verlierer wappnete sich dann schnell durch den Konsum zweier Eimer, bevor er die Wohnung verließ, und versuchte die Mission schnellstmöglich abzuschließen.

Auch vor der Teilnahme an Pflichtveranstaltungen und Klausuren praktizierten wir die Eimer-Methode, und es ist wohl einer Ironie des Universums zuzuschreiben, dass wir trotz unseres paranormalen Lernverhaltens unsere Scheine erhielten.

Zerfressenes Haus

Gründliches Putzen bewahrt vor bösen Überraschungen.

Derweil sah es in unserer Wohnung immer erschreckender aus. Unser Zeitungsabo führte dazu, dass sich die Tageszeitung über die ganze Wohnung verteilte und ständig Nachschub kam. Das Epizentrum des Grauens lag natürlich in der Küche, in der wir ganz bewusst die Menge der zu spülenden Gefäße und Gerätschaften durch dauerhaften Mehrfachgebrauch gering hielten. Trotzdem trauten wir uns schon länger nicht mehr an die Spüle, auf deren Boden sich etwas sehr Unheimliches befand.

Im Kühlschrank schimmelte eine Margarine still vor sich hin, denn auch Margarine kann schimmeln, wenn man sie nur lässt. Sie hatte sich wahrscheinlich beim Senf angesteckt. Da sie keinem von uns gehörte, ließen wir sie in Frieden und wurden erst von einem Gast auf diese bemerkenswerte Tatsache aufmerksam gemacht.

Überhaupt, Gäste. Die empfingen wir gern. Wir handelten dabei nicht aus Gastfreundschaft, sondern aus reinem Eigennutz, da wir ja nicht ohne Not vor die Tür gehen wollten. Gäste empfangen hieß für uns, sie hereinzulassen und sich mit ihnen zu unterhalten, mehr war nicht zu erwarten. Wer uns kannte, hatte natürlich schon mehr oder weniger geahnt, welch unheilvolle Kräfte durch unser Zusammenziehen freigesetzt würden. Und Kommilitonen, mit denen wir uns trafen, wurden im Vorhinein auf Anblick und Geruch unserer Behausung vorbereitet. Die übliche relativierende Entgegnung lautete sinngemäß »Ooch, bei mir ist es auch immer total unordentlich. Bei mir liegen voll viele Pizzakartons rum und so.«
Geht man aber nach dem Gesichtsausdruck beim Betreten der Wohnung, haben wir jedes Mal gewonnen.

Kommilitoninnen trafen wir aus diesen Gründen selten und grundsätzlich außer Haus. Falls sich doch einmal eine Frau in unserer Höllenloch verirrte, beschuldigten wir einfach den jeweils anderen, eine Drecksau zu sein, die es mit Spülen, Putzen, Kochen et cetera pp. nicht hinkriege.
Es wurden allerdings bereits Legenden über den Zustand unserer Wohnung kolportiert, sodass Kommilitonen gleich welchen Geschlechts neugierig wurden und zunehmend versuchten, sich mit eigenen Augen ein Bild der Lage zu machen. Auf Katastrophentourismus hatten wir nun wirklich keine Lust, und so gewährten wir bald nur noch langjährigen Freunden Einlass, und solchen, die das Zeug dazu hatten.

Der Michi war der Erste, der in der Küche ein Weinglas fallen ließ. Geistesgegenwärtig warf ich eine Ausgabe unserer Tageszeitung darüber, nachdem ich die größten Scherben aufgesammelt hatte. Das war viel praktischer, als den Boden zu wischen und sich dabei vielleicht noch winzige Splitter in die Finger zu treiben. Weil die Idee so erkennbar gut war, etablierten wir dieses Verhalten sofort, und binnen Kurzem war der gesamte Küchenboden mit knisternden Schichten aus getrocknetem Zeitungspapier über knirschenden Schichten aus Glas bedeckt.

Irgendwann stellte jemand fest, das Klo müsse mal geputzt werden.

Wir beide machten sofort geltend: „Ich bin Sitzpinkler und somit unmöglich schuld daran, dass das Klo geputzt werden muss“. Die Kloschüssel hatte aufgrund der Unmengen an ausgekochten Mate-Blättern, die der Sven immer dorthinein ausgeleert hatte, mittlerweile den Teint eines ungünstig gealterten Bahnhofsklos angenommen. Mechanisch war an dem Belag nichts mehr auszurichten, und so bemühten wir die chemische Keule, die tatsächlich in der Lage war, die braune Patina restlos zu entfernen. Zumindest da, wo sie ausreichend lange einwirken konnte, und das war einzig und allein das Präsentationsplateau des Flachspülers.
Das strahlend weiße Porzellan, umrahmt von fleckigem Braun, suggerierte nun eine Milchlache in einem Bahnhofsklo, und der erste Gast, der dieses Anblicks gewahr wurde, musste sich darob übergeben.

Mit diesem Erlebnis begann die letzte Stufe unseres gemeinsamen Wohnens. Wir sahen ein, dass wir dafür wohl nicht geeignet waren, und uns eigentlich nur noch die Angst in dieser Wohnung hielt, dass der Vermieter den ganzen Saustall in seinem gegenwärtigen Zustand sehen und riechen könnte.
Nach langem Zögern schrieben wir endlich die Kündigung und begannen dann so schnell wie möglich, in allen Räumen die völlig verdreckten Tapeten von den Wänden zu reißen.
Wir mussten uns beeilen, so viel war klar – wir wollten schließlich die Wohnung in einem 1A-Zustand übergeben! Dabei kam uns zugute, dass wir bisher noch nicht dazu gekommen waren, unsere Umzugskartons auszupacken, die wir jetzt frei durch die Wohnung schieben konnten.
Als wir mit den Wänden gerade fertig waren und die feuchten Tapetenreste noch in den letzten freien Fleck des Bodenbelags eingetreten hatten, klingelte das Telefon und der Vermieter kündigte an, dass er in einer guten Stunde vorbeikäme, um zu begutachten, welche Arbeiten an der Wohnung anstünden.

Sofort entfalteten wir panische Aktivität, die sich vor allem darauf belief, verteerte Colaflaschen und Gurkengläser sowie die Küchenbrettchen mit den erstaunlichen Ascheansammlungen ausfindig zu machen und im Hof zu entsorgen. Sven machte sich am unnennbaren Inhalt der Spüle zu schaffen, während ich so gut es ging versuchte, die Zeitungsreste mit einem eilends gekauften Ceranschaber vom Küchenboden abzulösen.
Bereits nach einer halben Stunde klingelte es – der Vermieter hatte doch noch etwas früher Zeit gefunden. Hätte er sich nur verspätet!
In seinem Gesicht stand eine Mischung aus Wut, Abscheu und Fassungslosigkeit, als er stumm durch das Chaos in unserer Wohnung stapfte. Er warf einen kurzen Blick in die Zimmer und die Küche und steuerte dann die Toilette an, wo er zielsicher mit seiner Schuhspitze den Klodeckel anhob. Wir schreckten zusammen und sahen uns besorgt an – uns schwante gewaltiges Unheil.
In der stockfinsteren Diele zeichnete sich die Silhouette des Vermieters gegen das Badezimmerlicht ab. Seine schon etwas schütteren Haare bildeten einen zitternden Leuchtkranz um seinen Kopf, als er anfing in sein Handy zu brüllen.
»Du, ich bin hier gerade in einer Wohnung, die ist total im Arsch!«
»…«
»Ja, absolut ekelhaft.«
»…«
»Ja, genau, natürlich!«
»…«
»Du, hier, hast du noch – Moment ma – ’nen Flachspüler?«
»…«
»Ja ja, völlig ruiniert, keine Ahnung, will ich gar nicht wissen. Mir ist schon schlecht genug.«

Und so weiter und so fort. Wie wir uns schämten!

Nach diesem unangenehmen Telefonat mussten wir uns eine noch unangenehmere Gardinenpredigt anhören, deren ungläubig vorgebrachtem Hauptthema »keine anderthalb Jahre« ein »total verwohnt« sowie »war frisch renoviert« entgegengestellt wurde. Unseren Einwand, wir wären doch auch gerade dabei zu tapezieren – und gestrichen würde auch noch! – quittierte unser Vermieter mit einem entsetzten »Sie fassen hier gar nichts mehr an!«

Weil uns die Schmach allzu groß erschien, räumten wir in den folgenden Wochen die Wohnung nicht sonderlich enthusiastisch im Alleingang leer. Das war ganz einfach, denn als alte Praktiker hatten wir ja die Umzugskartons nicht geleert, weil wir nie unsere Möbel aufgebaut hatten. Selbst das Säubern der Wohnung war gar nicht so schlimm, da durch die vielen achtlos hingeworfenen Zeitungen die nagelneue Auslegeware gut geschützt überdauert hatte. Einzig und allein die Küche war katastrophal, pro Quadratmeter müssen wir mehrere Stunden gebraucht haben. Das lag aber vielleicht auch an den Pilzen und könnte Teil einer anderen Geschichte sein.

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