Wenn der Elefant dich lässt

Oder: Wie Hieronymus Bosch meine ansonsten okeë Kindheit verpfuschte.

Bis die Actionstelle mit dem Klogang fertig ist, betrachten wir es als „Fragment“, ok?

Damals, als die Sofas braun waren, die Stühle orange und die Tapetenmuster sinnesverwirrend, hatte ich einen wunderbaren Schaukelelefanten. Er war weich, warf mich nur ganz selten ab und schaukelte auf breiten, kinderfußschonenden Plastikkufen.

Leider gab es diesen dummen Haken — der Designer hatte sich wohl gedacht: »Kinder sind doch irgendwie alle stoned, also lieben sie psychedelische Extras«, und hatte dem Tier ein Paar Mega-Hypnoseaugen der Marke „Op-Art“ spendiert, die den Augen der Schlange Kaa aus Disneys Gruselschocker Das Dschungelbuch in nichts nachstanden. Die Wirkung wurde noch dadurch verstärkt, dass die Augen in dicke schwarze Wimpernwülste eingebettet waren, aus denen sie sich umso mehr abhoben.

Überhaupt war die Psychedelik in meinem Kinderzimmer stark vertreten. Auf dem Vorhang war die Sangesszene aus den Bremer Stadtmusikanten in Rorschach-Optik abgebildet: Der hinterhältige Esel trug Hund und Katze – beide äußerst agitiert –, darauf ein höllisch bunter Hahn. Das Quartett schrie sich gerade die Hälse wund, man hörte förmlich die Kakophonie. Das Entsetzlichste aber war die Eule mit ihren riesigen Augen, die schweigend aus ihrem Baum auf die Szenerie herunterblickte.

Tagsüber fiel das alles eigentlich gar nicht auf, aber sobald das Bettritual losging, schalteten auch die Ausgeburten der neuzeitlichen Möchtegern-Boschs langsam in den Nachtmodus. Und meine Mutter sang:

Guten Abend, gut’ Nacht
Mit Rosen bedacht
Mit Nelken besteckt
Schlüpf unter die Deck’
Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt
Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.

Bei der letzten Zeile kroch ich immer noch ein Stück weiter unter die Decke.

Wenn ihr danach war, gab meine Mutter nach diesem Totengesang vielleicht etwas Surreales zum Besten:

Schlaf in guter Ruh’.
Tu die Äuglein zu
Höre, wie der Regen fällt
Hör’, wie Nachbars Hündchen bellt
Hündchen hat den Mann gebissen
Hat des Bettlers Kleid zerrissen
Bettler schlägt die Pforte zu
Schlaf in guter Ruh‘.

Dieses Lied war nicht so morbide wie das erste, dafür spielte es in Gelee unter einem eisigen Vollmond. Die unwirkliche Stimmung wurde durch den hektischen Double-time-Teil in der Mitte noch unterstrichen. Und der arme Bettler — wie gemein meine Mutter war, dieses Lied so gern zu singen!

Das Nachtgebet absolvierte ich auf Autopilot, dann wurde das Licht ausgemacht und die Zimmertür ging zu. Ich war allein.

Wenn ich mich schnell genug in den Schlaf zurückzog, konnte das unheimliche Panoptikum in meinem Spielzimmer mir nichts anhaben. Also versuchte ich möglichst schnell einzuschlafen.
Meistens klappte das auch, aber manchmal wollte der Schlaf einfach nicht kommen. Dann lag ich stundenlang bewegungslos im Bett und versuchte mit aller Macht zu schlafen, während in mir langsam die Befürchtung aufstieg, dass ich das Einschlafen möglicherweise verlernt hätte.

Wenn ich lang genug so da lag, spürte ich irgendwann die Präsenz meiner übelwollenden Mitbewohner deutlicher als mich selbst. Das Zimmer knisterte förmlich von der Anwesenheit der Nachtmahre.

Ich nahm dann also meinen ganzen Mut zusammen und drehte mich um, ohne die Augen zu schließen. Und natürlich war es wieder passiert, so unvermeidlich wie unerklärlich, dieses schreckliche, sich Nacht für Nacht wiederholende, Eltern niemals begreiflich zu machende Ereignis: Der Elefant hatte sich genau in meine Richtung gedreht und fixierte mich mit leuchtenden Augen und die Eulen am Fenster sahen feindselig auf mich herab und die Bremer Stadtmusikanten fletschten ihre Zähne.

Und unter der Tür war kein Licht mehr und ich musste mal.

Schon damals fragte ich mich, ob mein Leben nicht einen anderen Lauf genommen hätte, wenn ich in den 90ern zwischen Fraktalpostern aufgewachsen wäre.

Die Lieder liegen auf meinem Soundcloud-Account.

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